Mobilität am Limit mit Frust über 99 Euro

Wer dieser Tage mit der Bahn fährt, bekommt Verspätungen serviert und erhält Einblicke in die nackte Realität der Verkehrswende hinsichtlich ihrer Finanzierung und politischem Streit. In einem aktuellen Gespräch mit einer Bahn-Mitarbeiterin am Schalter wurde sofort klar: Die Stimmung ist längst gekippt. Die Euphorie des fraglichen „Sommermärchens“ in Form günstiger Tickets weicht einer harten, beinahe schon zynischen Kalkulation.

„Kein Grundrecht auf Oma-Besuche“

Die Aussage der Schalter-Mitarbeiterin sitzt: Ein Grundrecht auf kostenlose Mobilität gebe es nicht. Wenn also eine Oma ihre Enkel nicht mehr sehen könne, sei dies dem Elternhaus anzulasten, jenen Eltern also, die der Arbeit wegen in die Ballungszentren gezogen sind.

Komplett ignoriert diese Sichtweise die soziale Realität. In Zeiten von explodierenden Mieten bleibt nach Abzug der Fixkosten kaum etwas übrig. Mobilität ist schon allein deswegen kein Luxusgut, sondern eine Grundvoraussetzung für soziale Teilhabe. Lässt ein Staat den ländlichen Raum wirtschaftlich ausbluten, darf er seinen Bürgern nichts vorwerfen, wenn sie dort hinziehen, wo Erwerb winkt, sie jedoch finanziell bestrafen, wenn sie ihre Wurzeln pflegen möchten.

Das 99-Euro-Szenario: Politische Bankrotterklärung?

Hinter den Kulissen scheint man die Fahrgäste bereits auf eine drastische Preiserhöhung einzustimmen. Das Ziel? 99 Euro. Damit würde sich das Deutschlandticket dem Preisniveau alter Verkehrsverbünde angleichen.

Für viele Regionen scheint das die Ideallösung zu sein. Statt massiv in den ÖPNV zu investieren und den Klimawandel ernsthaft zu bekämpfen, verwaltet man den Mangel. Initiativen in besagen Regionen spüre ich kaum. Dabei könnte mit wenig Mitteln viel bewirkt werden. Wie beispielsweise zugunsten der Bevölkerung den Schulverkehr auszubauen und mehr Ruftaxis einzuführen.

Wird das Ticket preislich unattraktiv, scheitert die Mobilitätswende und lässt das Land zusätzlich sozial verarmen. Dadurch kehren auch scharenweise Pendler zu ihren Autos zurück, da Gelegenheitsfahrer gern auf solch ein Ticket verzichten. Diese Entwicklung bildet also kein Fortschritt ab, sondern politisches Versagen auf ganzer Linie.

Berlin als Testlabor für den Volkszorn?

Diese provokante Idee kursiert: Weshalb erhöht man den Preis in Berlin nicht sofort auf 99 Euro? Denn so dürften die Politiker, die in ihrer „Hauptstadt-Blase“ leben, die Wut der Bevölkerung unmittelbar vor ihrer eigenen Haustür erleben. Unverschämt ist es, die Mobilität einzuschränken, während (theoretisch) besonders die Kapazitäten auf dem Land vorhanden wären; dort, wo auch eine zumutbare Anbindung fehlt. Die Politik weiss um die Gefahr eines Preisschocks, dass Menschen kleine, konstante Preiserhöhungen hinnehmen. Dies lässt somit höchstwahrscheinlich auf eine Arglist schließen.

Tourismus-Chance verpennt: Wo war das DeutschlandTicket auf der ITB?

Ein absolutes Unverständnis bleibt nach der letzten ITB (Internationale Tourismus-Börse) zurück. Zugunsten des Tourismus ist das Deutschlandticket schon allein deswegen ein fantastisches Produkt , indem es dazu einlädt, das Land nachhaltig zu entdecken. Doch statt dieses Angebot offensiv zu vermarkten, senkte sich Schweigen. Und die deutsche Bahn hat sich mittlerweile auf den Fernverkehr fokussiert. Während man nach Mitarbeitenden aus dem Nahverkehr vergeblich sucht. 

Dabei wäre es ein herrliches Ticket für den Tourismus und eine Möglichkeit, im ländlichen Gebiet reichlich Wertschöpfung zu generieren. Doch die Touristiker beschränken sich weitgehend auf ihre Gästekarten. Im Bodenseeraum griff ich dieses Thema auf.

Luxemburg macht es vor

Dort ist der Nahverkehr seit Jahren kostenlos. Es funktioniert, es entlastet die Straßen und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Weswegen ist das, was bei unseren Nachbarn klappt angeblich ein Ding der Unmöglichkeit in Deutschland?


Mobilität ist kein Privileg für Besserverdiener. Begraben wir das Deutschlandticket preislich, begraben wir auch einen Teil der sozialen Gerechtigkeit in diesem Land.

Was denken Sie? Wäre für Sie ein Preis von 99 Euro noch an der Schmerzgrenze, oder steigen Sie dann wieder aufs Auto um?

25 Jahre angerostetes Bodensee Ticket

Der Bodensee ist Europas Herz; ein Ort, an dem Deutschland, Österreich, die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein zusammenwachsen. Seit 25 Jahren existiert das Bodensee Ticket, das genau diese Einheit auf der Schiene und dem Wasser (Fähre Friedrichshafen–Romanshorn) abbilden soll. Die Grundidee ist fantastisch: Ein Ticket, vier Länder. Doch zum Jubiläum des Tickets mischen sich auch kritische Töne in die Feierlaune.
Ist das Tarifmodell noch zeitgemäß?

Zu teuer, zu umständlich, zu starr?

Wer heute den See umrunden möchte, merkt bald: Mobilität hat ihren Preis. Eine Tageskarte für alle Zonen kostet für Erwachsene stolze 46,00 € (bzw. 47,00 CHF). In Zeiten sinkender Kaufkraft und des Erfolgsmodells „Deutschlandticket“ wirkt das Bodensee Ticket wie ein Relikt aus einer anderen Ära.

Zwar erhellt ein Lichtblick die Situation; wer eine Anschlusslösung (wie ein Abo im angrenzenden Verbund) besitzt, erhält 25 % Rabatt. Doch das Grundproblem bleibt bestehen: Der Tarif-Dschungel.

Das Wirrwarr der Gästekarten

In fast jeder Gemeinde rund um den See kochen die Tourismusverbände ihr eigenes Süppchen. Unzählige lokale Gästekarten bestehen (VHB Gästekarte, Echt Bodensee Card, OSKAR, etc.), die teilweise den ÖPNV inkludieren, teilweise nicht. Für jeden Touristen führt das zu einem unübersichtlichen Gästekarten-Wirrwarr.

Wozu braucht es Insellösungen, statt einer mutigen, einheitlichen Lösung für die gesamte Region?
Weshalb ist die Hürde für den „einfachen Gast“ so hoch?

Die Kalkulations-Lücke: Vorbild Österreich

Ein Blick über die Grenze nach Österreich zeigt, was möglich ist. Rechnet man dort ein Jahresticket für den ÖPNV auf den Tag herunter, landet man bei etwa 1,10 € pro Tag. Das Bodensee Ticket hingegen kalkuliert in ganz anderen Sphären.

Es stellt sich die Frage der Kalkulationsgrundlage: Wird hier versucht, mit jedem Ticket den vollen Deckungsgrad zu erreichen, anstatt Mobilität als Infrastruktur-Investition zu sehen? Aber Mobilität ist das Rückgrat des Tourismus. Jeder Tourist, der seine Gemeinde verlässt, sorgt für lokale Einnahmen in der Gastronomie, im Einzelhandel und bei den Attraktionen. Begegnung und Erlebnisse sind der Motor der Region – und dieser Motor braucht einen günstigen Treibstoff.

Kapazitäten: Ein Scheinargument?

Oft wird argumentiert, dass die Preise hoch bleiben müssen, um die knappen Kapazitäten zu steuern. Doch ist das ehrlich? Wenn eine hohe Nachfrage gegeben ist, weshalb werden dann nicht konsequent Kapazitäten aufgebaut? Wer die Verkehrswende möchte, darf Engpässe nicht verwalten, sondern sollte sie beseitigen. Stattdessen passiert das Gegenteil. Linien und Züge werden gestrichen. 

Fazit: Mut zu neuen Preisen

Wir brauchen mehr Mut für attraktive Tarife. Möchten wir wirklich, dass der Bodensee eine Modellregion für europäische Mobilität bleibt, sollte das Bodensee Ticket unbedingt radikal vereinfacht und günstiger werden. Idealerweise sollte das Ticket direkt in sämtliche Gästekarten integriert werden; dies würde eine Tageskarte zu einem einheitlichen Preis ergeben, (möglicherweise in Höhe von 20 Euro). Dadurch dürfte alles reibungslos ineinandergreifen, anstatt einen Flickenteppich zu hinterlassen!

Tourismus ist ein Lebenselixier, und jeder Gast sollte sich die Fahrt um den See leisten können, ohne vorher ein Studium der Tarifkunde absolvieren zu müssen. 25 Jahre ist zwar ein stolzes Alter, aber jetzt ist es an der Zeit für eine Verjüngungskur.