Wie geht’s weiter?
Eine Stellwerkstörung legt den Zugverkehr in Kitzingen lahm. Zwei vollbesetzte Regionalzüge und ein ICE stehen still, der Bahnsteig füllt sich zusehends, auch wenn die meisten Reisenden in den Zügen ausharren. Ich steige aus, in der Hoffnung, dass an diesem Donnerstagnachmittag noch Busse fahren. Von der Bahn gibt es keine offiziellen Meldungen, aber ich gehe davon aus, dass ein Ersatzverkehr organisiert wird.
Vor dem Bahnhof warten Fahrgäste auf ihre Abholer. Niemand ist bereit, weitere Passagiere mitzunehmen. Bitten werden unfreundlich abgewiesen, jeder scheint auf sich allein gestellt zu sein. Es gibt zwar Taxis, doch ihre hohen Preise machen es notwendig, dass sich Fahrgemeinschaften bilden, was aber nur selten gelingt.
Ich entscheide mich für den Bus nach Volkach und ärgere mich über den örtlichen Verkehrsverbund: unklare Fahrpläne, ein fehlendes Liniennetz und eine App, die primär auf den Fahrkartenverkauf ausgerichtet ist. Versuche, jemanden telefonisch zu erreichen, scheitern. Die meisten Reisenden warten auf den Bus nach Rottendorf, weil sie dort schnellere Anschlüsse vermuten – doch es kommt nur ein kleiner Bus, der nicht alle aufnehmen kann.
Meine Fahrt nach Volkach entwickelt sich wider Erwarten zu einer wunderschönen Reise. Sie führt am Main entlang, vorbei an malerischen Weinbergen und kleinen Dörfern. Es ergeben sich nette und gute Gespräche mit den anderen Fahrgästen, die auch auf der Weiterfahrt von Volkach nach Würzburg anhalten. Obwohl es ein großer Umweg ist, ist die Fahrt dank des Deutschlandtickets kein Problem.
In Würzburg angekommen, sehe ich eine beachtliche Anzahl von Bussen, die für den Schienenersatzverkehr bereitstehen – eine enorme Kraftanstrengung. Es wäre nur noch schöner, wenn auch Personal vor Ort wäre, das die Reisenden betreut und Durchsagen macht. Doch das scheint finanziell nicht vorgesehen zu sein.
Als ich schließlich im Bus nach Marktheidenfeld meine Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge anspreche, ernte ich nur ablehnende Reaktionen: „Es ist doch alles gut“ und „man muss immer alles positiv sehen“. Kritisieren, das wolle man nicht. Die Mitreisenden wenden sich ab, jeder wieder für sich allein mit dem Smartphone.
Wenn Systeme versagen:
Menschliche Resonanz und die Suche nach Verbindung
Das Versagen der Deutschen Bahn, die Geschichte in dieser Situation, ist mehr als eine Pannenmeldung; sie ist ein Spiegelbild unserer Zeit. Diese zeigt, wie schnell die Solidarität schwindet, wenn ein System versagt. Im Moment der Krise wartet man nicht nur auf die Bahn, sondern auch vergeblich auf die Hilfsbereitschaft anderer. Denn der anfängliche Schock lässt viele in eine Haltung des „Jeder-für-sich“ verfallen.
Doch paradoxerweise sind genau solche Momente auch eine Chance. Dort, wo die gewohnte Ordnung zusammenbricht, entsteht Raum für echte, menschliche Begegnungen. So wird aus der Not eine Tugend, und die unfreiwillige Umleitung wird zur Bühne für unerwartet gute Gespräche. Diese Momente erinnern uns an das tiefe Bedürfnis nach Gemeinschaft, das in uns allen steckt.
Am Ende der Reise wird die Stimmung jedoch wieder trüb: Der Versuch, konstruktive Kritik zu äußern, trifft auf Ablehnung. Man möchte keine negativen Dinge hören und zieht sich lieber in eine sichere Welt des Smartphones zurück. Das zeigt, wie schwer es uns fällt, über Fehler zu sprechen, und wie sehr wir die digitale Isolation einer echten, manchmal unbequemen Diskussion vorziehen. Übrig bleibt das Gefühl, dass wir oft im Affekt Chancen verpassen – Chancen, als Gesellschaft besser zu werden und wieder mehr aufeinander zuzugehen.
Auch benötigen zwar manche, wie ich, in bestimmten Situationen, den Kontakt zu anderen, um sich selbst regulieren zu können. Andere wiederum benötigen wiederum das Umgekehrte, den inneren Rückzug, um sich regulieren zu können. Manchmal ist es deshalb schwierig, auf die Befindlichkeiten anderer einzugehen. Ich wünschte mir allerdings, dass wenigstens gegenseitig auf die Befindlichkeiten Rücksicht genommen würde, ohne ein Gegenüber dafür zu verurteilen.

